Epochenüberblicke zur Deutschen Literaturgeschichte

Realismus

1848 - 1890

I. Begriff

Realismus ist abgeleitet von lat. res - Ding, Sache, Wirklichkeit. Der Realismusbegriff ist äußerst vielschichtig und mehrdeutig. So tritt er in der Literatur z.B. als Stilmerkmal, in Form eines kritischen Realismus' und sozialistischen Realismus', oder als Bezeichnung für eine Literaturperiode, als poetischer Realismus, auf.
Der Begriff des poetischen Realismus' wurde von Otto Ludwig 1871 auf den deutschen Realismus der 2. Hälft des 19. Jahrhunderts angewandt.
Der kritische Realismus ist ein Gegenbegriff zu Strömungen des beginnenden 20. Jahrhunderts wie z.B. der Expressionismus, dem sich Autoren wie Döblin oder H. Mann verschrieben. Diese Form des Realismus wird als "kritisch" bezeichnet, da die Sozialkritik an der Gesellschaft deutlicher zum Ausdruck kam, als im poetischen Realismus.
Der Begriff sozialistischer Realismus ist eine Bezeichnung für eine Methode, die von Autoren angewandt wurde zur Darstellung der Realität, die im Einklang mit dem Sozialismus einhergehen sollte. Beabsichtigt war eine Erziehung des Lesers zum Sozialismus. Ausgehend von den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in der UdSSR wurde der sozialistische Realismus bald in vielen sozialistischen Ländern zur vorgeschriebenen Methode in der Literatur, so auch ab den 50er Jahren in der DDR.

II. Historischer Hintergrund

Ausgelöst durch die Februarrevolution 1848 in Frankreich, begann im folgenden Monat in Wien, Berlin und anderen Staaten des Deutschen Bundes die sogenannte Märzrevolution. Am 18. Mai 1848 tagte in der Frankfurter Paulskirche das erste deutsche Nationalparlament und arbeitete eine Verfassung aus. Im März 1849 lehnte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die ihm vom Parlament angebotene Kaiserwürde ab. Das Parlament wurde vom Militär aufgelöst, Aufstände in einzelnen Kleinstaaten blutig niedergeschlagen. Damit war das Scheitern der Nationalversammlung besiegelt.
1861 wurde Wilhelm I. König von Preußen, 1862 Otto von Bismarck preußischer Ministerpräsident. 1864 kam es zum Deutsch-dänischen Krieg, in dem die ehemaligen dänischen Herzogtümer Schleswig und Holstein an die Siegermächte Preußen und Österreich abgetreten wurden. Im Streit um die deutsche Hegemonie begann 1866 der Preußisch-Österreichische Krieg, der zugunsten der Preußen entschieden wurde und die Auflösung des Deutschen Bundes zur Folge hatte. 1867 wurde der Norddeutsche Bund gegründet. Zwischen 1870 bis 1871 fand der Deutsch-französische Krieg, der durch die Emser Depesche von deutscher Seite gegenüber Frankreich provoziert wurde, statt. Bismarck war durch ein vorhergeschlossenes Bündnis mit dem Norddeutschen Bund und süddeutschen Staaten gestärkt. Die deutschen Staaten fügten Frankreich zwei schwere Niederlagen zu, nach denen es kapitulierte. Die restlichen süddeutschen Staaten traten nun dem Norddeutschen Bund bei. Am 18. Januar 1871 kam es in Versailles zur Reichsproklamation. Damit wurde die deutsche Einheit vollendet. Der preußische König wurde zum deutschen Kaiser, Bismarck zum Reichskanzler. Da die Reichseinigung nur durch einige Kriege zustande kam, spricht man von einer "Blut- und Eisenpolitik" Bismarcks.
Die Innenpolitik des Deutschen Reichs wurde vor allem durch die sogenannte "Zuckerbrot- und Peitschenpolitik" Bismarcks bestimmt. Mit der "Zuckerbrotpolitik" meint man die Schaffung der Sozialgesetze, um die durch Industrialisierung und Wirtschaftskrise verschärften sozialen Gegensätze zu bekämpfen. Die "Peitschenpolitik" bezeichnet vor allem Bismarcks Streit mit den liberalen Parteien und den Sozialdemokraten, der im sogenannten "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" 1878 gipfelte. Eine entscheidende Rolle spielte auch der Kulturkampf zwischen Staat und Kirche von 1871 bis 1878, der durch die Kampfgesetze des Staates (Kanzelparagraph, Schulaufsichtsgesetz, Verbot der Jesuitenorden, Maigesetze, Brotkorbgesetze, Klostergesetz, Expatriierungsgesetz) entschieden wurde.
Bismarck strebte nach der Reichsgründung eine friedliche Außenpolitik mit der Isolation Frankreichs an, die sich in seiner Bündnispolitik zeigt. 1873 kam es zum Dreikaiserabkommen zwischen Deutschland, Rußland und Österreich-Ungarn. 1879 entstand der Zweibund zwischen Deutschland und Österreich, der 1882 zum Dreibund mit Italien erweitert wurde. Nach Konflikten zwischen Rußland und Österreich-Ungarn scheiterte die Dreikaiserpolitik. 1887 ging das Deutsche Reich mit Rußland einen Rückversicherungsvertrag ein. Mit Bismarcks Rücktritt 1890 setze in der deutschen Außenpolitik unter Wilhelm II. ein Kurswechsel zu Aufrüstung und Kolonialpolitik ein.

III. Philosophischer Hintergrund

Die Philosophie der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war stark geprägt vom Positivismus und dem historischen Materialismus. Positivisten vertraten die Meinung, daß Erkenntnis nur aus empirischer Beobachtung der Natur und aus Erfahrung abgeleitet werden könne. Der Hauptvertreter dieser Richtung war Auguste Comte (1798-1857). 1848 wurde das Kommunistische Manifest von Marx und Engels veröffentlicht. Der historische Materialismus, z.B. von K. Marx (1818-1883) oder L. Feuerbach (1804-1872) vertreten, betrachtet die gesellschaftliche Entwicklung des Menschen materialistisch. Wichtig ist dabei, daß das Sein über das Bewußtsein dominiert.

1. Literatur des Realismus

Diskussionen über Inhalte und Formen von Literatur fanden hauptsächlich in literarischen Zirkeln, wie z.B. in dem 1827 gegründeten "Tunnel über der Spree" in Berlin, statt, als in einer breiten Öffentlichkeit.
Da viele Autoren auf den Druck ihrer Werke zwecks Sicherung ihres Lebensunterhalts angewiesen waren, sank dadurch häufig das Niveau des literarischen Gehalts. Literarische Werke, die gesellschaftliche Verhältnisse realistisch darstellen, wurden von vielen Redakteuren abgewiesen, da das Publikum sich mehr für Unterhaltung und Ablenkung von der Wirklichkeit interessierte. Daher ist in vielen Texten des Realismus keine Kritik an den sozialen Mißverhältnissen der Gesellschaft zu finden. Es bleibt die Frage, worin realistische Autoren ihre Aufgaben sahen, da sie häufig einfache Menschen zum Gegenstand ihrer Werke machten. G. Freytag hatte in seinen Romanen, so z.B. in Soll und Haben (1855), das Ziel, das Bürgertum zu idealisieren.

     1.1 Merkmale realistischer Literatur

Realistische Literatur durfte nicht bloß eine Wiedergabe der Wirklichkeit sein, sondern mußte mit literarischen Mitteln die Realität verarbeiten. Die Dichter des Realismus' kombinierten dabei eine genaue Realitätsbeschreibung mit einer subjektiven Erzählhandlung. Häufig wurde die Wirklichkeit mit Humor und Ironie verklärt. Ein weiteres Merkmal ist die formale, inhaltliche und stoffliche Einfachheit in oft breiter Ausgestaltung. Auf drastische Stilmittel wurde weitestgehend verzichtet. Durch eine harmonische Verbindung der inneren und äußeren Räumlichkeiten in vielen Werken und durch die breite Ausgestaltung wurde beim Leser der Eindruck der Realität und die unmittelbare Anteilnahme daran erweckt.
In Fontanes Aufsatz Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848 von 1853 gibt er folgende Definition zum Realismus: "Er ist die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst, er ist, wenn man uns diese scherzhafte Wendung verzeiht, eine Interessenvertretung auf seine Art. Er umfängt das ganze reiche Leben, das Größte wie das Kleinste, den Kolumbus, der der Welt eine neue zum Geschenk machte, und das Wassertierchen, dessen Weltall der Tropfen ist, den höchsten Gedanken, die tiefste Empfindung zieht er in sein Bereich, und die Grübeleien eines Goethe wie Lust und Leid eines Gretchen sind sein Stoff. Denn alles das ist wirklich. Der Realismus will nicht die bloße Sinnenwelt und nichts als diese, er will am allerwenigsten das bloß Handgreifliche, aber er will das Wahre. Er schließt nichts aus als die Lüge, das Forcierte, das Nebelhafte, das Abgestorbene - vier Dinge, mit denen wir glauben, eine ganze Literaturepoche bezeichnet zu haben."

     1.2 Lyrik im Realismus

Nach 1848 setzte im Grenzboten eine heftige Kritik an der Metaphernüberladenheit der Restaurationslyrik, wie sie z.B. teilweise in den Gedichten Droste-Hülshoffs zu finden ist, ein, um der Entfernung der Lyriksprache von der Alltagssprache entgegenzuwirken. Dies zeigt sich z.B. in Hebbels Gedichten Ich und Du (1843), Ein Bild aus Reichenau (1848), Herbstbild (1852) und Liebesprobe (1854).
Die Lyriker im Realismus wollten in ihren Gedichten nicht etwas Realistisches darstellen, sondern eine poetische Welt zur Realität schaffen. Bedeutende deutschsprachige Lyriker im Realismus waren Storm, Fontane, Meyer, Keller und Ferdinand von Saar. Die lyrischen Werke dieser Autoren treten heute oft in den Schatten ihrer epischen Werke oder geraten fast in Vergessenheit.

Hebbel - Ich und Du (1843)

Wir träumten voneinander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.


          1.2.1 Dinggedicht

C.F. Meyer verband in seinen Gedichten (er römische Brunnen, Zwei Segel, Der schöne Tag, Auf dem Canal Grande) eine genaue Sinnliche Darstellung der Wirklichkeit mit einer symbolischen und subjektiven Deutung. Solche Gedichte werden auch Dinggedichte bezeichnet und treten z.B. auch später bei Rilke häufig auf. Charakteristisch für sie ist, daß das Ding objektiv und distanziert betrachtet wird und alles Unwesentliche dabei vernachlässigt wird.

C. F. Meyer - Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.


          1.2.2 Ballade

Kritik an den sozialen Mißständen der Gesellschaft ist auch in den Balladen vergebens zu suchen. Stattdessen steht oftmals ein Held im Mittelpunkt, der sich nicht für gesellschaftliche Veränderungen, sondern sich für die Erhaltung bestehender Verhältnisse einsetzt. Dies zeigt sich z.B. in der Opferbereitschaft des Steuermanns in Fontanes John Maynard. Der Ausschnitt aus der Wirklichkeit ist sehr klein und auf die Ursache für den Feuerausbruch auf dem Schiff gibt es keinen Hinweis.
Im Realismus sind auch viele historische Balladen entstanden, in denen weniger große Helden und ihre Taten als vielmehr unbedeutende Personen mit großer Willensstärke im Mittelpunkt standen. Balladen von solchem Typus sind zahlreich bei C. F. Meyer zu finden, z.B. Die Füße im Feuer, Bettlerballade, Mit zwei Worten, Der gleitende Purpur aber auch bei Fontane, z.B. Herr Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

     1.3 Epik im Realismus

1855 erschien Gustav Freytags Roman Soll und Haben, der zum Vorbild für die ganze Epoche wurde. Einer der wichtigsten Vertreter der Epik im Realismus war Fontane. Seine ersten Werke waren zunächst noch frei von Gesellschaftskritik oder Aufklärung bestehender Mißverhältnisse, diese kamen erst in seinen späteren Werken, meist aber versteckt, zum Ausdruck.
Die Novelle fand in der Zeit des Realismus ihren Höhepunkt. Es entstanden zahlreiche Novellenzyklen und Novellen, wie in noch keiner anderen Epoche zuvor. Noch heute sehr bekannt ist z.B. Kellers Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla oder Storms Novellen Der Schimmelreiter und Immensee. Aber auch viele andere Autoren waren als Novellisten tätig, so z.B. C. F. Meyer, A. Stifter, Th. Fontane, J. Gotthelf, F. Grillparzer, W. Raabe, Ferdinand v. Saar und Marie von Ebner-Eschenbach.

          1.3.1 Roman

               1.3.1.1 Entwicklungsroman

Auf zwei unterschiedliche Weisen wurde die Wirklichkeit der bürgerlichen Welt in den Entwicklungsromanen des Realismus' gezeigt: in einer optimistischen und in einer pessimistischen Darstellung. Kellers Grüner Heinrich und Freytags Soll und Haben stehen beispielhaft für viele andere Romane diesen Typus'.

                    a) Keller: Der grüne Heinrich (1854-55/79-80)

1854 bis 1855 erschien die erste Fassung des Grünen Heinrichs von Keller. Bei der Entwicklung des Helden Heinrich Lee zeigt er deutlich das Scheitern des Künstlers, der als Außenseiter endet. Enttäuscht von der Liebe und mitgenommen vom Tod seiner Mutter findet er schließlich selbst den Tod. In der zweiten Fassung von 1879/80 wird der Roman stark verändert. Nicht mehr der Tod, sondern Resignation kommt am Ende des Romans über Heinrich. Das Scheitern des Künstlers wird in beiden Fassungen nicht nur als selbstverschuldet hingestellt. Auch Heinrichs Umfeld bzw. die Gesellschaft hat einen Anteil dazu beigetragen. Keller bringt im Grünen Heinrich eine pessimistische Weltanschauung zum Ausdruck.

                    b) Freytag: Soll und Haben (1855)

Im Roman Soll und Haben entwickelt Freytag sein Ideal des Bürgertums im Helden Anton Wohlfahrt, der sich, trotz Fehler und Rückschläge, gegenüber dem Adel und Judentum durchsetzen kann. Adel und Judentum werden als Gegenbilder des Bürgertums gezeigt, die sich in der Welt nicht durchsetzen können. Damit wurde aber nicht die Wirklichkeit des Bürgertums dargestellt, sondern eine Idealisierung vorgenommen, die einen optimistischen Ausblick gibt.

               1.3.1.2 Gesellschaftsroman

                    Fontane: Effi Briest (1895)

In Effi Briest übte Fontane, wenn auch verhalten, Kritik an den Konventionen und Normen der preußischen Gesellschaft und ihrem Ehrenkodex und zeigt die Unfähigkeit des Adels ihr zu entkommen. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1886, bei der sich ein preußischer Offizier mit einem Amtsrichter um eine Liebesaffäre dessen mit seiner Frau duellierte. Der Roman trägt den Titel seiner Hauptfigur, Effi Briest, deren Eltern Vertreter des reichen Landadels sind. Sie heiratet den über 20 Jahre älteren Baron von Instetten auf Rat ihrer Eltern, ohne zu wissen, was auf sie zukommt. Von ihrem Mann oft allein gelassen, wird sie von ihrem bisherigen Leben zunehmend gelangweilt. Auch die Geburt ihrer Tochter kann nicht viel an der Situation ändern. Einzig die kurze Liebesbeziehung des Bezirkskommandanten Crampas bringt ihr etwas Abwechslung. Als Instetten versetzt wird, finde die Liebesbeziehung ein Ende. Nach einigen Jahren findet Instetten aber die Briefe von Crampas, die er an Effi schrieb. Um die Verletzung seiner Ehre zu bereinigen und sein Ansehen wiederherzustellen, fordert er Crampas zu einem Duell, wobei dieser stirbt. Danach kommt es zur Scheidung von Effi, die Tochter bleibt beim Vater. Nach einem Wiedersehen Effis mit ihrer Tochter, die sie sie nicht mehr als ihre Mutter erkannte, bricht Effi zusammen. Ihre Eltern nehmen die im Sterben liegende Effi bei sich wieder auf, die nach kurzer Zeit schließlich stirbt. Die Handlung des Romans wird ruhig und kritiklos erzählt. Die Frage nach der Schuld am Tode Effis wird nicht direkt gestellt.

               1.3.1.3 Historischer Roman

                    Fontane: Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13 (1878)

Vor dem Sturm war Fontanes erster Roman und sollte ein Gesellschaftsbild vor den Befreiungskriegen gegen Napoleon geben. Der wichtigste Handlungsstrang beschäftigt sich mit der Hauptfigur Lewin von Vitzewitz, dessen persönliche Probleme von geschichtlichen Geschehnissen überlagert werden, wobei er einmal nur sehr knapp dem Tode entrinnen konnte. Schauplatz der Handlung ist meist das Schloß Hohen-Vietz, neben Schloß Guse und Alt-Berlin. Der historische Roman Vor dem Sturm zeichnet sich durch eine Vermischung von Geschichtlichem mit Privatem sowie vielen Informationen über das bäuerliche, bürgerliche und adlige Milieu aus.

          1.3.2 Novelle

Die wichtigsten Novellendichter im Realismus waren Keller (Romeo und Julia auf dem Dorfe, Kleider machen Leute), Meyer (Der Schuß von der Kanzel), Storm (Der Schimmelreiter, Immensee), Fontane (Schach von Wuthenow), Stifter (Der Hochwald), Raabe (Zum wilden Mann), Gotthelf (Die schwarze Spinne), Grillparzer (Der arme Spielmann), M. von Ebner-Eschenbach (Das Schädliche), F. von Saar (Ginevra) und Heyse (L' Arrabbiata).
Die bekanntesten Novellen Kellers erschienen im Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla. Romeo und Julia auf dem Dorfe erschien im ersten Band 1856, Kleider machen Leute im zweiten Band 1874. C. F. Meyer konnte mit seinen Novellen ebenso viel Ansehen erringen, wie sein Landsmann Keller. Mit etwa 80 Novellen, darunter Der Schimmelreiter, Immensee, Ein Doppelgänger, Pole Poppenspäler, Aquis submersus u.a. schuf Storm die meisten deutschsprachigen Novellen im Realismus.

               1.3.2.1 Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe (Die Leute von Seldwyla, 1856)

Die Thematik dieser Novelle ist an Shakespeares Drama Romeo und Julia angelehnt und auf das Dorfleben übertragen. Die Freundschaft zwischen den Bauern Manz und Marti wandelt sich rasch zu Feindschaft. Die Kinder der verfeindeten Bauern, Sali und Vrenchen, schließen aber Freundschaft und finden auch bald Zuneigung zueinander. Ihre Liebe leben sie an einem Tag aus, da sie in der dörflichen Gemeinschaft keine Zukunft hätte. Ehrlos, nur um des Lebens willen wollen, sie nicht weiterleben und begehen darauf Selbstmord.

               1.3.2.2 Keller: Kleider machen Leute (Die Leute von Seldwyla, 1874)

Durch ein Mißverständnis wird der Schneidergeselle Wenzel Strapinski bei einer seiner Wanderungen in einem Nachbardorf als Graf empfangen. Strapinski, der aus Furcht seine wahre Identität nicht preisgeben kann, geht auf dieses Mißverständnis ein, an dem er nicht allein schuldig war und spielt mit. Auf einem Ball kommt es zur Entlarvung und Flucht Strapinskis. Einzig seine Geliebte, Nettchen, folgt und unterstützt ihn weiterhin und heiratet ihn trotz des Unmutes vieler Bürger, da sie seine Unschuld an dem Vorfall erkannt hatte.

               1.3.2.3 Storm: Der Schimmelreiter (1888)

Die Novelle zeichnet sich durch eine Vermischung von Mystischem, Unerklärbarem mit dem technischen Verständnissen des Deichbaus aus und verweist auf die Gefahren des Fortschritts.
Hauke Haien, ein technisch-begabter Knecht eines Deichgrafen, widmete seine Arbeit und Zeit dem Deichbau. Nach dem Tod des Grafen, heiratete er dessen Tochter und wurde selber zum Deichgrafen. Gegenüber den anderen Dorfbewohnern faßte er den Plan, einen neuen Deich zu bauen, in dem er alle seine Kräfte steckte und dabei seine Familie vernachlässigte. Doch nach einiger Zeit ließen seine Arbeitsbemühungen nach. Eine schwere Sturmflut, brachte den Deich zum Einsturz und riß Haukes Familie und ihn selbst in den Tod.

          1.3.3 Dorfgeschichten

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangten die Dorfgeschichten ein erstaunlich großes Ansehen. Dies kam daher, da sich die Autoren der Dorfgeschichten stark an Idyllen anlehnten. Der Gegensatz Dorf - Stadt wurde häufig thematisiert, wobei das Dorfleben weitestgehend idealisiert wurde. Probleme des Dorflebens wurden nicht dargestellt. Auch fand die Thematik Fortschrittsangst und Flucht in Natur oder Heimat Eingang in viele Dorfgeschichten. Das Anliegen der Dorfgeschichten war häufig die Erziehung des Lesers zum Ideal der zwischenmenschlichen Beziehungen des Dorflebens. Einer der erfolgreichsten Autoren von Dorfgeschichten seiner Zeit war Berthold Auerbach mit seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten (1843-54). Autoren weiterer Dorfgeschichten sind z.B. J. Gotthelf, M. von Ebner-Eschenbach, P. Rosegger und L. Anzengruber.
Storm, Keller und Stifter lehnten eine Idealisierung des Dorflebens ab. Die Figuren ihrer Werke müssen sich auch mit den Problemen des Dorflebens auseinandersetzen.

          1.3.4 Reiseliteratur

Mit Heine erreichte die Reiseliteratur einen ersten Höhepunkt an kritischer Betrachtung der Gesellschaft. Schon vor dem Realismus ist die Reiseliteratur zur kritiklosen Betrachtung verkommen, die aber beim Publikum sehr beliebt war und durch die ab 1850 entstandenen Journale rasch verbreitet werden konnte. Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862, 1863, 1873, 1882) wurden deshalb von einem großen Teil des Publikums mißverstanden und nicht als Kritik aufgefaßt. Über das Leben in Amerika berichtete v.a. Friedrich Gerstäcker in seinen Reiseromanen wie Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten (1844), Die Regulatoren in Arkansas (1846) und Die Flußpiraten des Mississippi (1848).

     1.4 Realistisches Drama

Das Drama trat im Realismus weit hinter Epik und Lyrik zurück. Von den Dramatikern dieser Zeit sind lediglich Hebbel, Grillparzer und Anzengruber besonders hervorgetreten und populär geworden.
Für Hebbel sollte die Auflösung der Konflikte auch in den Individuen zum Ausgleich gebracht werden. Seine Vorbilder waren Kleist, Lessing und Schiller, mit denen er sich häufig auseinandersetzte. Hebbel hatte mit seinen Werken zwar große Erfolge erzielt, doch wurde er öfters mißverstanden. Hebbels Dramen weisen nur wenig Individualismus auf, da er sich vor allem beim Sprechstil seiner Stücke an die Tradition des Wiener Burgtheaters hielt. Dramatische Spannung wurde vor allem durch den Gegensatz Individuum - Gesellschaft erzeugt. Hebbel wollte auf der Bühne keinen Realitätsausschnitt zeigen, sondern eine künstlerisch geformte Welt darstellen. Bedeutende, noch heute gespielte, Dramen Hebbels sind Judith (1843), Maria Magdalene (1843) und Agnes Bernauer (1851).
Grillparzer wurde v.a. durch Die Ahnfrau (1817), die Dramentrilogie Das goldene Vließ (1821), Weh dem, der lügt! (1838) und die drei posthum veröffentlicht und aufgeführten Dramen Die Jüdin von Toledo (1872), Ein Bruderzwist in Habsburg (1872) und Libussa (1872) berühmt.
Anzengruber orientierte sich stark an Nestroy. Seine Stücke greifen oft religiöse Themen auf und spielen im bäuerlichen Milieu, z.B. Meineidbauern (1871).

2. Literarische Formen

Dinggedicht: In einem Dinggedicht wird ein Ding objektiv und distanziert betrachtet. Alles Unwesentliche entfällt bei der Betrachtung. Das Ding wird daher nicht nur symbolisch, sondern auch subjektiv erfaßt. Häufig werden Gegenstände der bildenden Kunst zum Thema eines Dinggedichtes und werden somit neugeschaffen. Dinggedichte sind z.B. bei Mörike, C.F. Meyer und Rilke zu finden.

Entwicklungsroman: Ein Entwicklungsroman zeigt den Entwicklungsprozeß einer Figur, die oft zum Ideal einer Gesellschaftsschicht heranreift, in Korrespondenz mit ihrer Umwelt.

Gesellschaftsroman: Ein Gesellschaftsroman beschreibt die zeitgeschichtlichen Verhältnisse einer Gesellschaft genau und übt meist Kritik an ihren Mißständen aus.

Historischer Roman: Ein historischer Roman lehnt sich an historisch authentische Ereignisse und Personen an. Wie nah dabei die Anlehnung an die Realität ist, hängt vom jeweiligen Autor ab.

Dorfgeschichte: Merkmale einer Dorfgeschichte sind Klarheit und Einfachheit, die durch Volkstümlichkeit bewirkt werden, und eine Erzählperspektive aus bäuerlicher Sicht.

3. Vertreter

4. Werke

© Claudio Mende
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